Was geschah im Haus Nr. 60 am Kirchplatz, bevor die Familie Heinrich Vördings 1851 nach Amerika auswanderte?

von MARTIN HOLZ

A ls kleine Überraschung habe ich für Euch die letzten achtzig Jahre vor der Auswanderung der Ahneltern Vörding und Janning im Jahre 1851 im Zeitraffer zusammengetragen. Ich möchte von den Besitzern des Stammhauses Vörding, von den Berufen der Bewohner und von einem Dokument berichten, das ich am 12. Januar 1989 im Besitz eines Bekannten durch Zufall gefunden habe. Dieses Ölbild 'Alt-Osterwick vor der Jahrhundertwende' wurde 1963 von mir gemalt. Der Pfeil zeigt auf das Haus der ausgewanderten Familie Heinrich Voerding, von der ich die Geschichte erzähle.
Der 1724 in Osterwick geborene Albert Klostermann kaufte mit seiner Frau Gertrud Hummers vor jetzt 219 Jahren am 23. Mai 1770 das kleine Haus Dorf Nr. 60 hinter unserer alten Dorfkirche für 150 Reichstaler vom Erbdrosten Vischering zu Darfeld. Als selbständiger Schuhmacher mit einem kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerb verdiente er den Lebensunterhalt für seine Familie. Von den drei Kindern des Ehepaares wurde der 1755 geborene Albert Erbe des Elternhauses. Er heiratete am 19. Juni 1779 Anna Maria Grimmels aus Groß Reken, 23 km von Osterwick entfernt. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Er ernährte seine Familie wie sein Vater als Schuhmacher in seiner eigenen Werkstatt und durch die kleine Landwirtschaft. Von den vier Kindern wurde der 1784 geborene Albert wie der Vater und Großvater Schuhmacher und erbte später das Elternhaus. Den gleichen Beruf ergriff der 1780 als erstes Kind geborene Joan Heinrich, der unverheiratet in der elterlichen Werkstatt arbeitete. Die Eltern Albert Klostermann und seine Frau Anna Maria Grimmels dankten es dem treu sorgenden Sohn Joan Heinrich, indem sie ihm in einem notariellen Vertrag vom 6. Februar 1807, einen Tag vor der Heirat des Erben Albert, ein lebenslanges Wohnrecht im Elternhaus einräumten.
Der Erbe Albert heiratete am 7. Februar 1807 Maria Janning, die am 18. September 1776 in Wettringen, Dorfbauerschaft Nr. 46a, 27 km von Osterwick, geboren wurde. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, die alle als Kleinkinder starben. Aus diesem Grunde vereinbarten die Eheleute am 10. Februar 1832 in einem Erbvertrag, daß die zwölfjährige Nichte Maria Anna Janning, die am 6. Oktober 1820 in dem gleichen kleinen Fachwerkhaus wie ihre Tante in Wettringen, Dorfbauerschaft Nr. 46a, geboren wurde, das Anwesen in Osterwick, Dorf Nr. 60, mit den dazugehörigen Ländereien übernehmen sollte.
Es ist zu vermuten, daß der 1818 geborene Heinrich Vörding als Schustergeselle in der Werkstatt Klostermann arbeitete und sich mit Maria Anna Janning ein Verhältnis anbahnte. Nach dem Tod des 58jährigen Albert Klostermann am 1. Oktober 1842 wurde Heinrich Vörding als ihr Bräutigam ein halbes Jahr vor der Heirat mit 24 Jahren durch einen Vertrag vom 15. Dezember 1842 Miteigentümer des Anwesens Dorf Nr. 60. Maria Klostermann behielt sich jedoch das Nießbrauchsrecht bis zu ihrem Lebensende vor. Mit 25 Jahren heiratete der Schuhmacher Heinrich Vörding am 19. Mai 1843 die 23jährige Maria Anna Janning. Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor, von denen drei in Osterwick, Dorf Nr. 60, geboren wurden und fünf in Amerika zur Welt kamen. Der ledige Bruder des verstorbenen Schwiegervaters Joan Heinrich Klostermann stand Heinrich Vörding in der Werkstatt und in der kleinen Landwirtschaft zur Seite. Nachdem die Schwiegermutter Maria Janning am 8. Februar 1848 mit 72 Jahren gestorben war, erlosch ihr Nießbrauchsrecht. Jetzt stand noch das im Grundbuch eingetragene Wohnrecht bis zum Lebensende für Joan Heinrich Klostermann einer Auswanderung im Wege.
Nach zwei Jahren der Vorbereitung für die Auswanderung wurden im Mai 1851 die Weichen gestellt. An sechs verschiedene Interessenten wurden die Acker- und Weidegrundstücke verkauft. Die 7 Morgen 126 Quadratruten und 86 Quadratfuß erbrachten insgesamt 710 Taler. Das Haus mit 6 Quadratruten 40 Quadratfuß erbrachte 221 Taler. Der notarielle Verkauf der Ländereien und des Hauses erfolgte am 22. Mai 1851. Am gleichen Tag wurde auch das Problem des Dauerwohnrechtes des über 70 Jahre alten Joan Heinrich Klostermann gelöst. In dem von mir gefundenen Dokument, das von dem königlich preußischen Justizrat und Notar Peter von Hamm beurkundet wurde, steht folgender Inhalt:
Vor dem Notar erschienen
1. der Schuster Bernard Heinrich Vörding,
2. der Schuster Heinrich Klostermann, des Schreibens unkundig,
3. der Weber Heinrich Mersmann, Dorf Nr. 63.
Der in der Nachbarschaft wohnende Heinrich Mersmann war mit Heinrich Vörding handelseinig geworden, Heinrich Klostermann lebenslänglich in Wohnung, Kost, Kleidung, Wäsche und sonstigen Bedürfnissen in gesunden und kranken Tagen zu unterhalten. Als Gegenleistung bekam Heinrich Mersmann von Heinrich Vörding eine achtjährige schwarzbunte Kuh, ein vollständiges Bett, das auch schon im Haus Dorf Nr. 60 Eigentum von Heinrich Klostermann war, und ein Schwein, das Heinrich Vörding noch im Stall hatte, ebenso einen Kirchensitz für den Onkel nach der Westseite. Heinrich Vörding trat sein Pachtrecht an den vom Grafen Droste Vischering gepachteten Grundstücken mit den darauf befindlichen Feldfrüchten an Heinrich Mersmann ab. Außerdem zahlte er ihm noch 85 Taler, um die ausgehandelten Ansprüche zu erfüllen. Heinrich Klostermann verzichtete auf das im Grundbuch eingetragene Wohnrecht auf Lebenszeit. Am 1. Juni 1851 wurde er in die Familie Mersmann, Dorf Nr. 63, aufgenommen.
Der Weg nah Amerika war für die vierköpfige Familie Heinrich Vördings geebnet. Der Zeitpunkt der Auswanderung muß daher zwischen dem 22. Mai und 1. Juni 1851 liegen. Die insgesamt 931 Taler Verkaufserlös aus den Immobilien, abzüglich der finanziellen Verpflichtungen, die nötig waren für den neuen Anfang, waren sicher ein gutes Startkapital in Amerika. Als Wertmesser sei erwähnt, daß eine Schiffspassage in die neue Welt pro Kopf 17 Taler betrug.
Es sei noch bemerkt, daß die Familie des Webers Heinrich Mersmann Heinrich Klostermann nur dreieinhalb Jahre in ihrer Obhut hatte. Er starb am 21. November 1854 im Alter von 74 Jahren. Die Familie Klostermann war mit ihm in Osterwick ausgestorben.
Ich hoffe, daß mir der Zufall noch weitere Dokumente Eurer Ahneltern in die Hände spielt. Unser Gastgeschenk an Euch alle ist die bisherige zeitraubende Forschungsarbeit über die Familie Janning in Wettringen und das Versprechen, daß ich als Archivar der Gemeinde Rosendahl sehr aufmerksam bin, weitere Informationen zur Familiengeschichte zu finden und auszuwerten.

In verwandtschaftlicher Verbundenheit
Euer
Martin Holz

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Last modified: October 14, 2001
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