Newburg, Wis. den 10. Mai 1876
 
 
Lieber Bruder!

Deinen Brief vom 2. v. Monats wie auch den Wechsel von $ 350 Dollar 88 Cent in Gold habe ich richtig und dankend erhalten, und zwar am 29ten April. Ich hatte auch am Samstag den 22ten April einen kleinen Brief geschrieben, daß ich das Geld jedenfalls noch nicht nötig hätte, ich erfuhr nämlich den morgen, daß der Lehrer sich noch verpflichtet hatte, die Schule zu halten bis zum Herbst, er wußte das auch selber wohl, doch meinte er daran loskommen zu können, welches jedoch mißlang, und somit kann augenblicklich aus der Sache nichts werden. Ich [unleserlich] als die Post hier in Newburg war, welche alle zwei Tage kommt, da habe ich euch schnell die paar Zeilen geschrieben, indem der Postknecht auf den Brief gewartet hat, denn ich dachte, wenn du es solltest noch nicht fortgeschickt haben, so wäre es vorläufig noch nicht nötig gewesen [.] den Laden anfangen wird jetzt noch wohl nichts werden, den auf diesen Platz wird jetzt sich wohl ein anderer hinsetzen, auch ich habe deshalb meinen Platz wo ich war verloren, weil ich gekündigt hatte, ich bin zwar noch da, werde aber jedenfalls nicht länger mehr da bleiben. Ich hätte euch schon eher schreiben können, daß ich den Wechsel erhalten hatte, wollte aber nicht eher, bis ich wußte wieviel ich dafür erhielt. Der Wechsel $ 350,88 Gold habe ich nach New York geschickt, und habe vorgestern den Betrag dafür erhalten. Ein Dollar in Gold ist wert jetzt 112 ¼ Cent (du weißt 100 Cent ist ein Dollar) mithin habe ich für jeden Gold Dollar 12 ¼ Cent mehr erhalten in Papier, und habe für die $ 350,88 Gold 393,85 Papiergeld erhalten. Ich habe heute das Geld, weil ich es weiter nun nicht brauchte, ausgeborgt gegen 8 Prozent zum größten Teil ($ 300,00) an meinen Prinzipal. Letzte Woche habe ich einen Brief erhalten von Gerhard Heinrich Winkelmann [* Dülmen 10.7.1828 / 1882 ausgew.] aus Minnesota, er ist noch recht gesund, seine Frau und Kinder sind krank gewesen an der Halskrankheit und ist ihm das älteste Kind gestorben. Er schreibt, das er 160 Acker Land geerbt hätte von einem ledigen Mann, welcher sich dort das Land gekauft hatte, ein kleines Häuschen darauf gebaut, auch etwas Land bearbeitet hätte (das übrige ist natürlich wild Land) und sonst sei sein Hauptgeschäft jagen gewesen. Eben dieser junge Mann ist krank geworden und ist zu Winkelmann gekommen, ob er ihn nicht in sein Haus aufnehmen wollte und ihn pflegen bis er wieder gesund sei, erst hatte er es nicht gern tun wollen, aber wie er ihn nicht gut hatte los werden können hat er ihn zuletzt behalten und 4 Wochen vor seinem Tod hat er sein Land an Gerhard Heinrich Winkelmann gerichtlich übertragen. Wieviel Dollar daß Land wert ist weiß ich nicht, den davon hat er nicht geschrieben. Auch hat er mir geschrieben, daß bei ihm ein schöner Platz sei für einen Laden anzufangen. Ich bin noch nicht mit mir selber einig, ob ich hingehen werde oder nicht, den ich habe mehrere Pläne vor, und weiß noch nicht zu was ich mich entschließen soll. Lieber Bruder du schreibst, hättest mir einen Anzeiger geschickt, ich weiß nicht wie das ist, ich habe ihn nicht erhalten. Wie in Deutschland das Wetter gewütet hat habe ich hier schon einigermaßen aus den Zeitungen ersehen. Der Winter ist hier ausnahmsweise gelinde gewesen, aber trotzdem, das Frühjahr werden geht hier immer sehr langsam zu, das Holz ist noch alles nackt, die Pappeln und Obstbäume fangen an Raupen zu tragen, auch das Vieh kann sich hier noch nicht weiden, aber wenn es los geht, dann wächst alles mit Gewalt viel schneller als bei euch. Die Farmer hier sind mit dem sähen alle fertig, bis auf das Welzkorn, wo es jetzt beinah dran geht. Ihr werdet dieses Jahr wohl einige Äcker pflanzen, aber befolgt nur genau meinen Vorschriften. Du kannst nicht begreifen wie das ist, Frucht billig und doch so viel zu verdienen. Meine Meinung ist, daß es an folgendem liegt: Die Farmer ziehen hier mehr Frucht auf dem Land als bei euch, zum mästen für Schweine und sonstiges Vieh ist das Welzkorn und wird somit kein anderes Korn dazu verwendet. In den Haushaltungen wird sonst auch hier nicht soviel verbraucht, weil die Familien gewöhnlich nicht so zahlreich sind, denn ein Mann auf einer Farm tut ungefähr so viel als bei euch 2-3, warum, weil hier faßt alles mit der Maschine gemacht wird, das Sähen, mähen, Graßmähen, heuen, eggen, walzen, pflügen, dreschen und alles was ist, geht meistens mit Maschinen oder doch sonst auf eine viel leichtere und zweckmäßigere Weise als bei euch, da möchte ich sagen, da seid ihr noch 100 Jahre zurück, und daß ist ein sehr großer Vorteil, warum hier ein Farmer nicht so viele Leute braucht, und sehr viel Frucht im Jahr verkauft. Daß der Lohn hoch ist mag viel dazu beitragen, daß hier fast ein jeder der 20 Jahre oder oft noch jünger ist, sich selbst eine Farm anschafft, und somit die Leute welche bei andern dienen wollen, nicht so häufig sind, und weil sie dort gewöhnlich den [besser ?] ausmachen, als wenn sie bei andere Leute arbeiten, und hier kann jeder frei ins Geschäft gehen, er braucht nicht bange zu sein, daß er in seinen besten Jahren den verwünschten Soldaten Rock anziehen muß, denn hier wird nicht anders gelost als wenn es Krieg gibt und das gibt es nicht leicht. Ein Farmer der 80-100 Acker Land hat, der bestellt die ganze Farm oft allein ohne Knecht oder Magd, höchstens im Sommer dingt er sich einen Knecht für einige Monate. Ludwig Esselmann hat jetzt 90 Acker Land, er hat sich eine Mähmaschine und eine Sämaschine gekauft, und tut seine Arbeit allein, bis jetzt noch. Bernard Hünck ist noch nicht gesund, wie auch die ganze Familie und die übrigen Esselmänner. [Randbemerkungen] Und lassen euch alle bestens grüßen. Ich bin für nächsten Dienstag auf eine Hochzeit eingeladen, und werde so Gott will auch hingehen, ich habe hier schon mehrere Hochzeiten mitgefeiert, und habe mich sehr amüsiert, die amerikanischen Mädchen können gut tanzen, aber arbeiten können sie nicht so gut wie die Deutschländer, weil es hier keine Mode ist, wenigstens nicht so viel daß die Mädchen mit heraus ins Feld arbeiten gehen. Ich übersende euch auch hiermit einen hübschen Wandkalender, ich glaube daß ihr bei euch auch nicht solche habet, da wird, wie ihr sehen werdet, jeden Monat ein Blatt abgerissen. Oben sind die Wochentage mit Anfangsbuchstaben bemerkt, Sun. heißt Sonntag oder Sunday. Mon. heißt Montag oder Monday, Tuesday Wednesday, Thursday, Friday, Saturday, wenn ihr diese Tage richtig aussprechen wollet, so muß ich hier so schreiben [:] Mondeh, Tuisdeh, Wendsdeh, Thouisdeh, Freideh, Sonturdeh, Sundeh. Dieser Tage hat Bernard Hünck ein Brief von Fritz [Hünck] erhalten. Ich denke Fritz ist sehr zu bedauern. Wie ist es bei Marschal ist da alles wohl, und wie ist es mit Therese ihre Krankheit. Wie geht es Strufferts, Sommer, Specht und alle übrigen Verwandten und Bekannten. Grüßt alle von mir. Ich habe diesen Brief am 10 angefangen und am 13ten beendet. Ich muß schließen den das Papier erlaubt es nicht mehr. Es grüßt euch alle recht bestens euer Bruder u. Schwager Clemens

Clemens


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Last modified: May 12, 2001
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