Newburg, Wis. den 26. Nov. 1875
 
 
Liebe Brüder und Schwägerin!

Euern lieben Brief vom 23. vorigen Monats habe ich am 16. dieses Monats erhalten, und die traurige Nachricht erfahren, daß unser lieber alter Vater am 27. v. M. die irdische Pilgerreise vollendet hat und hoffentlich zu ein besseres Jenseits übergegangen ist. Ja es ist hart seine Eltern zu verlieren und zumal wenn man in der Fremde ist. Obschon ich schon immer daran dachte, daß es nicht mehr lange dauern würde. Seine Jahre waren dahin geschwunden. Nun was sollen wir machen - es kommt auch einmal - über kurz oder lang - die Zeit an uns. Wo wir denselben Weg gehen werden, laß uns nun Gott danken, daß er uns unsere Eltern so lange geliehen hat und laß uns unaufhörlich und inständigst für ihre armen Seelen bitten, denn das ist der einzige Weg durch welches wir sie noch zu Hilfe kommen können und welches wir Ihnen auch pflichtgemäß schuldig sind. Auch ihnen wird hoffentlich nächste Woche eine heilige Messe für sie gelesen werden es wäre vielleicht schon geschehen, aber weil wir dieser Tage einen andern Priester bekommen, hat es sich hinausgeschoben bis der hier ist. Hierbei muß ich euch auch aber bemerken, aber nicht darum, daß es deshalb etwa nachbleiben sollte - daß hier das Messe lesen ein Dollar kostet. Wie steht es jetzt bei euch mit der Kirchengeschichte? Hört es noch nicht bald auf oder wird es immer noch schlimmer. Ich höre jetzt nicht viel davon, ich lese jetzt nicht viel deutsche Zeitung, erstens weil ich nicht viel Zeit habe, denn ich muß alle mögliche Mühe und Zeit darauf verwenden, daß Geschäft zu erlernen, und wenn ich mal etwas Zeit habe, nehme ich eher eine englische Zeitung zur Hand um englisch lesen zu lernen oder ein englisches Buch. Ich habe mir ein englisches Buch gekauft, welches mir 5 ½ Dollar kostet. das ist viel für ein Buch, aber es ist auch ein sehr nützliches Buch, weil alles mögliche, was in einem Geschäft vorkommen mag, und vieles andere darin enthalten ist. Wenn ich euren Brief erhielt, hatte ich gerade einen Brief an euch fertig, ich war nämlich willens einige schöne Spielsachen zum Nicolaus für den kleinen Wilhelm zu schicken, aber mein Herr riet mich davon ab, es würde jedenfalls mehr Zoll und Unkosten machen, als es wehrt sei, und habe es deshalb nicht getan, und dachte, ihr könntet ihm statt dessen besser etwas kaufen. Auch hatte ich darin geschrieben, daß ich halb willens bin, nächstes Frühjahr einen Laden für mich selber anzufangen, ich habe mich jedoch noch nicht fest dazu entschlossen, aber dachte, es euch doch wenigstens mitzuteilen vorläufig, und sobald ich etwas sicheres darüber weiß, werde ich es euch schreiben. Es ist nämlich hier in Newburg ein deutsch katholischer Lehrer, der wünscht einen Store (Laden) anzufangen und hat mich gefragt, ob ich nicht mit ihm in Kompanie gehen wollte, denn er wie auch ich sind beide nicht bemittelt genug, einen Store allein anzufangen, und auch die meisten Store (Läden) sind hier in Coup. zu zweien und sogar mitunter zu dreien, weil mehr bestehen hier die Geschäfte in Kompanie als bei euch. Dieser Platz wo wir das willens sind, ist im Staat Iowa, ist noch ein neuer Platz wo der Anfang zu einem Dorfe ist, es sind erst einige Häuser und eine katholische Kirche dort, aber viele Farmer wohnen in der Umgegend, und diese haben gemeinschaftlich darum geschrieben, daß sie gern einen Store dahin haben wollten. Auch werdet ihr wohl denken, warum ich nicht bei meinen Verwandten und Bekannten hier bleibe, das täte ich freilich gern, aber hier sind Stores genug, so daß ein neuer Anfänger schwerlich aufkommen würde. Ich glaube auch wohl, daß ich diesen halben Store, worin ich jetzt bin, welches auch 2 zusammen gehört, kaufen könnte, aber der würde mir ungefähr 7-8000 Dollar kosten, dazu reicht meine Börse nicht. Auf einem neuen Platz braucht man nicht so große Auslagen, weil man dort noch kein so große Auswahl in allen Sachen haben braucht, denn da sind die Leute froh, wenn sie bei uns was kaufen können. Hier ist es schon so, wenn man 15-50 [unleserlich] Farben hat, dann wollen sie noch wo möglich eine Farbe, die man nicht hat. Bernard Hünck wie auch Ludwig Esselmann und Frau Gertrud Esselmann geb. Hünck sind soweit noch recht gesund, aber doch Ludwig ist jetzt ziemlich mit Rheumatismus geplagt, er klagt über Rückenschmerzen. Auch die übrigen Esselmänner sind alle noch gesund und lassen auch herzlich grüßen. Von Fritz Hünck haben wir schon gewußt, wie es dem ergangen ist und daß seine Tochter tot ist, und [unleserlich] seine ganze Geschichte, und ich denke, der arme Fritz wird auch wohl um seine etliche 100 Taler dazu sein. Die Esselmänner haben folgendes gedroschen: Bernard Esselmann hat 643 Bushel Weizen, 494 Hafer, 200 Gerste, Clemens Esselmann hat 420 Bushel Weizen, 300 Hafer, 300 Gerste. Franz Esselmann hat 8-900 Bushel zusammen ich weiß es nicht einzeln. Ludwig Esselmann hat 260 Weizen, 175 Hafer, 70 Gerste u. 28 Roggen, wie viel Welzkorn einer vom andern hat, weiß ich nicht, das ist hier dies Jahr nicht sehr gut geraten, es ist viel erfroren. Ich habe mich gewundert, daß ihr 500 R. an einen Kolben gehabt da muß es im Durchschnitt nicht schlecht gewesen sein. Du schreibst wie ihr es von die Kolben bringen sollt. Ihr müßt das, was ihr nächsten Frühjahr pflanzen wollt, wie ich schon geschrieben, 2 und 2 zusammen binden, und aufhängen an einem luftigen und trockenen Ort, vielleicht auf dem Boden oder Bienenhaus, das übrigen bleibt hier an die Kolben und wird dem Vieh so vorgeworfen, den Schweinen wird es so im Schweinehof geworfen, das Vieh kneift es sich hier selber ab. Was ihr pflanzen wollt, könnt ihr entweder nächsten Frühjahr wenn ihr pflanzen wollt das Korn so mit der Hand abdrehen, oder ihr packt den Kolben an beiden Enden an und reibt ihr den langen weg über die Kannte des Scheffels, so fällt auch das meiste Korn gleich da herein. Wenn ihr es jetzt getan habet, ist es freilich zu spät, sonst [unleserlich] ausgebrochen, nicht aufs Land in große Haufen geschmissen und einige Tage liegen lassen, dann stinkt es. Das was die Leute nicht pflanzen wollen, dazu haben sie extra Häuschen ähnlich wie Bienenhäuser unter einen Bretterboden drin, und von beiden Seiten mit Latten zugenagelt, welche etwa 1 bis 1 ½ Zoll auseinander kommen, damit es luftig ist. Auch Hühner und Gänse fressen das Welzkorn gerne, und hierbei fällt mir auch ein, welches sich auch schon längst schreiben wollte, daß die Gänse, was wirklich Gänse sind (oder auf Plattdeutsch Gantens genannt werden) alle ganz weiß, und keine Gans ist ganz weiß (sicher wahr). Nun zum Schlusse wünsche ich auch allen ein fröhliches Weihnachtsfest, und ein glückseliges neues Jahr, und wünsche auch von Herzen, daß auch allen dieser Tag noch recht oft und in bester Gesund- und Zufriedenheit wiederkehren möge. In der Hoffnung, daß auch allen dieser Brief wieder in so guter Gesundheit antreffen wird, wie er mich verläßt grüßt euch recht bestens

euer Bruder u. Schwager Clemens Diekämper.

Grüßet alle Verwandten und Bekannten von mir. Auch gratuliere ich Max Struffert recht herzlich. Schreibt bald wieder.


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Last modified: August 31, 2002
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