New York, den 4. Mai 1874.
Lieber Vater Brüder u Schwägerin! Ich mache euch hiermit die fröhliche Mitteilung,
daß wir am Sonntag den 3ten d. morgens früh um 4-½ 5 Uhr Gott sei Dank glücklich und
wohlbehalten hier eingetroffen sind. Den Sonntag über mußten wir auf dem Schiffe bleiben, denn
Sonntags wird hier gar nicht gearbeitet, heute morgen wurden wir mit einem kleinen Dampfschiff
von dem großen Schiff nach New York gebracht. Dort in Castle-Garden mußten wir angeben, in
welchen Staat wir reisen wollten, dieses dauerte einige Stunden, da waren viele Leute aus den
Gasthöfen, welche uns mitnahmen im Hotel, und zwar welches auf den Couvert steht ist unser
Logis. Morgen werden wir nun mit der Bahn weiter fahren und werden dann bald schreiben wenn
wir angekommen sind und auch unsere Adresse um wieder zu schreiben. Sämtliche Passagiere des
Schiffes Neckar sind gesund und wohlbehalten hier angekommen, bis auf eine Frau, die ist eines
Abends über Bord des Schiffes gesprungen in die See, und ist ertrunken, es hat einer gesehen,
der hat sie noch am Kleid gegriffen, das Kleid ist aber ausgerissen, und die Frau ist ertrunken.
Sie hat 3 kleine Kinder im Schiff zurück gelassen, das eine 3 Jahr, daß eine 2 Jahr das andere
15 Jahr. Unser Schiff hat 15 Tage bereits gefahren, wir hatten immer Gegenwind, und auch
mitunter starken Wind, daß das Schiff sehr schaukelte und schwankte, einmal stand ich ganz
vorn auf dem Deck an der vorderen Spitze des Schiffes, um mich mal gehörig schaukeln zu lassen,
da kam auf einmal eine Welle auf dem Schiff, und der Clemens war beinahe durch naß.
Das Schiff Graf Bismarck ist schon Mittwoch den
15 April von Bremen abgereist, und ist bis jetzt noch nicht in New York eingetroffen.
Zu fürchten hat keiner nichts auf dem Schiff,
vor Untergang oder sonstiges, aber trotzdem ist es doch keine angenehme Fahrt, der Raum ist
dort so eng, ein einfacher Strohsack und Decke ist ein schlechtes Lager, und das Essen war
auch überhaupt schlecht. Am Sonntag den 26. hatten wir Sturm, die See war sehr unruhig, des
Nachts rollte man mitunter im Bett auf die andere Seite, aber an ein untergehen war deshalb
kein Gedanke. Hier in New York geht es, so weit ich es noch gesehen habe, ganz großartig her.
Ich glaubte wohl schon tüchtige Städte und sonstiges gesehen zu haben, aber solches wie hier,
habe ich doch noch nicht gesehen. Es sind hier alles 5-6 Stock hohe Häuser und höher, und alle
haben ein flaches Dach.
Die Stadt durchfahren sie hier mit Eisenbahnen.
Solche Eisenbahn ist ungefähr 20 Fuß hoch über die Straße, es ist nur ein Geleis, und steht auf
eiserne Pfeiler, darauf liegen die Schienen, und anders gar nichts als die Schienen, kein
Geländer und nichts ist dabei, wenn es entgleist fallen die Wagen auf der Straße. Es sind
meistens nur 2 oder 3 Waggongs hintereinander. Für diesmal will ich schließen denn die Zeit
erlaubt es nicht mehr, denn es ist Zeit zu Bett, worauf ich mich schon sehr freue, denn ein
ordentliches Bett ist einem doch wohl zu gönnen, nach 14tägigen entbehren.
Grüßet alle Verwandte und Bekante von mir, und
lasset ihr wissen, daß ich glücklich angekommen bin.
Es grüßt euch allen Vater Brüder Schwägerin
Wilhelmchen und Therese welche wohl wieder gesund sein wird. Gruß an Bernard Hünck. gez.
Clemens Diekämper.
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